Aus dem Nähkästchen...

Eine Dame von 50 Jahren...

 

Angeregt durch Gespräche in meiner Nähgruppe und das Lesen einiger "Fachbücher" zum Thema "Stil und Alter" fand ich es an der Zeit, das Nähen noch mal von einer anderen Seite zu beleuchten. So kurz knapp vor 50 stellen sich mir - plötzlich und unerwartet - ganz neue Fragen. 

Was mir immer stand, steht mir nicht mehr. Was vor 2 Jahren noch mein Lieblings-Outfit war, fühlt sich jetzt an, wie eine Verkleidung. Die Ursachenforschung ergab: es muß am Alter liegen... 

Mein Kleiderschrank wird 50!

Nicht viele Frauen vor uns standen vor so vielen Fragen, wie wir es heute tun.

Der gut situierten Frau in Mitteleuropa stehen viele Möglichkeiten offen. Die Rollenbilder verschwimmen. Unsere Rolle als Frau 50 plus ist nicht mehr so festgelegt, wie sie das vor 30 Jahren noch wahr.

Die Kittelschürze darf am Haken bleiben. Wir stehen im Leben, viele haben einen Beruf und eigenes Geld. Wir können teilhaben, woran immer wir wollen.

Sind wir unabhängig? Soweit man das zwischen Beruf und Kindern, alten Eltern und "anderen Verpflichtungen" sein kann, wohl schon. Unabhängiger jedenfalls als die 50er vor 30 Jahren es waren. Ich ahne Freiheit und das gefällt mir richtig gut!

Andererseits: wo Licht ist, ist auch Schatten.

Wenn uns kaum noch etwas vorgegeben wird, müssen wir unseren Weg selber finden. Was wir anziehen, was wir tun, was wir für angemessen für unser Alter halten: Wir haben die Wahl!
Mit 50 versuchen wie 30 (naja 40) auszusehen? Wir könnten es zumindest versuchen: Die Kleidung, die Ernährung und die "Nachhilfe" stünden zur Verfügung... Alles scheint zu gehen, oder?

Aber in Würde die Schwelle zum Alter zu überschreiten, ist ein ganz anderes Thema. Durch das veränderte Gefühl für sich selbst, das erste deutlich sichtbare Altern, ist es wirklich an der Zeit auf die Suche zu gehen. Es wird ein Prozess sein, der seine Zeit braucht.

Nähtechnisch eine Zeit der Experimente...

Ich habe zur Zeit einen Hang zum "Trutschigen" - 30er Jahre Retro!

Im Januar habe ich meinen Kleiderschrank fast leer geräumt und nun nähe ich mich einer neuen, altersgerechten Garderobe entgegen. Nie zuvor im Leben, war das Überschreiten einer Altersgrenze so deutlich zu sehen und brachte so viele Veränderungen mit sich, wie das Überschreiten der magischen "50".

Ich habe bei einer Bloggerin gelesen, dass sie sich selbst auf Fotos nicht erkennt. Ich weiß nicht, ob das bei ihr neu ist, ein Phänomen der 50er? Bei mir ist es so.

Innen ist das Gefühl der 40 noch sehr ähnlich, aber die äußerlichen Veränderungen sind enorm.

Ich muss lange in den Spiegel schauen um das Mädchen von einst zu erkennen.

Bin das ich?

Greta Garbo hat sich mit 40 zurückgezogen und ihr Gesicht nicht mehr fotografieren lassen... Jetzt weiß ich erst wirklich, warum.

Frauen in den Wechseljahren machen große Veränderungen durch. Die Seele, der Körper, der Geist. Alles ist im Fluss, fast wie in der Pubertät, und muss sich neu finden. Das Gewebe wird weicher. Ja auch das.

Frauen in den Wechseljahren bekommen mehr Mitte. Aber auch mehr Stand!

Man müsse "sein Alter akzeptieren" ist leicht gesagt, solange es einen nicht betrifft.

Der Moment vor dem Spiegel, wo man sich fragt, "Bin das ich?" wird kommen. 

Zwischen 40 und 50 Jahren verläuft der Alterungsprozess rasant. Bei mir wurden zwischen 42 und 45 Jahren einige Schalter umgelegt, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass ich sie habe...

Zu diesen Prozessen gehört das "sich fremd sein", aber auch das "sich neu suchen, neu finden". Das betrifft auch die Kleidung und den Stil.

Ich probiere aus, was mir jetzt steht, was mein Stil werden will...  Es ist wirklich ein Prozess, der durchlebt werden will. Da kann niemand raten.

Mit Ende 40 ist keine mehr so, wie mit Anfang 40, obwohl es doch gar nicht so lange her ist.
Meine Kleidung soll diesen Veränderungen Rechnung tragen. 
Der Kleidungsstil verändert sich im Laufe des Lebens immer wieder.
Die 20er:
Von Trend zu Trend hüpfen, provozieren, herausstechen wollen, experimentieren, es gibt (fast) keine Grenzen.
Die 30er:
Erwachsen geworden, Entwicklung von Vorlieben für bestimmte Stilrichtungen, ebenso Sinn für Qualität. Dazu kommt der Stand im Beruf, die Familie, mit speziellen Anforderungen an die Kleidung.
Die 40er:
Plötzlich ist das, was für die Jahre vorher richtig war, nicht mehr so passend. Die Kleidung und die Farben werden klassischer. Eine Dekade der Übergänge.

Und was trägt und näht die Frau mit 50?
Es gibt für uns keine verbindlichen, allgemein gültigen Regeln mehr. Jede kann alles tragen! Aber sollte auch jede alles tragen??? Ich trete hier einen Schritt zurück. Ich MÖCHTE nicht mehr alles tragen.

Ein paar Regeln kann im Moment ich für meinen altersgerechten Kleiderschrank aufstellen:
Trends nehme ich insgesamt wahr. Mehr so als Ganzes, richtungsweisend.

Meine Kleidung soll keine Trends mehr nachahmen, aber langweilig soll sie eben auch nicht sein.
Bequemlichkeit wird immer wichtiger. 
Keine überladenden Schnitte mehr, keinen Schnick-Schnack, keine Spielereien, keine extremen Schnitte. (Mir fallen spontan so etwa 2 Näherinnen ein, die im Bereich 50plus wirklich gut "Schnick-Schnack" tragen können... Beide haben ein echtes Händchen dafür. Die nehme ich gedanklich jetzt mal raus. Ausnahmen bestätigen ja die Regel.) Grundsätzlich gilt eher: weniger ist mehr.
Die Linie soll einfach und klar sein. Gerade und schnörkellos.
Der Körper wird definitiv immer weicher (und das ist erst der Anfang!). Daher ist es wichtig, das die Stoffe mehr Festigkeit und Struktur haben. 

Ein paar "no-gos" gibt es für mich auch:
T-shirts mit Logos oder Sprüchen sind Tabu! 
Kurze Röcke überlasse ich ganz nonchalant den jüngeren Frauen. 
Bunte, witzige Strumpfhosen.
Superenge Jeans.
Freie Haut. Ab 30° C trage ich tatsächlich Tops zum Rock oder Kleider ohne Ärmel. Ansonsten gilt: die Zeit viel Haut zu zeigen ist vorbei! 
Sichtbare BH-Träger? Eher nicht mehr.

Ich denke solche Basis-Regeln gelten für Gr. 36 ebenso, wie für Gr. 60. Das Alter und das Altern ist keine Frage der Konfektionsgröße.

Es gilt die Veränderungen ins Leben und Nähen zu integrieren. Nicht mehr und nicht weniger...

Zwei Jahre später...

...möchte ich das oben genannte revidieren:

 

"...Keine überladenden Schnitte mehr, keinen Schnick-Schnack, keine Spielereien, keine extremen Schnitte... Grundsätzlich gilt eher: "weniger ist mehr"!

Die Linie soll einfach und klar sein. Gerade und schnörkellos..." 

 

Denn ich trage seit einiger Zeit "Schnörkel"!

 Den Shabby-Ladies in meiner Facebock-Gruppe sei das gedankt!


"Umgang formt den Menschen" pflegte meine Mutter zu sagen.

Recht hat sie!


 Ich erlaube mir romantisch - verspieltes in meine Kleidung einzunähen - sogar nachträglich mit gefärbten Spitzendeckchen  "aufzuhübschen"!


 

"Glücklich und Frei" im September 2015